Gütersloh. Der Dank von Pfarrer Stefan Salzmann ans Publikum, das Einlassprocedere zum diesjährigen Weihnachtskonzerts des Gütersloher Bachchores „so brav“ mitgemacht zu haben, wurde am Ende des Abends mit Beifallsstürmen zurückgegeben. Zu groß war auf beiden Seiten die Freude, Bachs Weihnachtsoratorium gerade in diesen Zeiten wieder singen und hören zu dürfen, als dass 2G, Test und Maskenpflicht das Vergnügen hätten schmälern können.

Was nicht bedeutet, dass Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann diesmal mit deutlich gelockerter Handbremse durch Bachs beliebtes Opus gebrettert wäre. Im Gegenteil. Selten hat man dieses Werk, aus dem Bothmann die Kantaten Nr. 1, 3, 5 und 6 ausgewählt hatte, emotional so wunderbar austariert in den freudigen wie auch meditativen Momenten musiziert gehört.

„Jauchzet, frohlocket“, der Eröffnungschor übte auch diesmal – und vielleicht noch mehr als sonst – seine Faszination aus. Ganz subtil nutzten Bothmann und die Sängerinnen und Sängern die Schwerpunkte des Dreiertakts, wie bei einem Trampolin immer neue Energie aufzutanken und abzugeben. Wer wollte bei diesem Jubel mit (Natur-)Trompetenschall und mit Holzschlegeln befeuerten Paukenschlägen nicht in ebensolche Stimmung geraten? Aber nie schossen die Ausübenden übers Ziel hinaus. Der Chor war hinsichtlich Frauen – und Männerstimmen wohl ausbalanciert,

die Stimmverläufe hier wie auch in den Chorälen und konzertanten Chorsätzen blieben auf geschmeidige Weise durchhörbar. Und doch war dieser Klang auch von Fülle und Wärme, von großer Lebendigkeit durchpulst.

Der vokale Substanzreichtum machte sich nicht nur in den virtuosen Sätzen bemerkbar, sondern auch dann, wenn es darum ging, ganz leise zu singen. Hat man „Wie soll ich dich empfangen“ auf die Melodie des Passionschorals „O Haupt voll Blut und Wunden“ jemals so zart und zurückgenommen gehört? Einer der schönsten Momente dieses an magischen Momenten nicht armen Abends. Vielleicht auch eine Verbeugung vor Hermann Kreutz, dem langjährig wirkenden Vorgänger Bothmanns, der vor wenigen Tagen gestorben ist und dem zu Beginn des Abends kurz und still gedacht wurde.

Die Solisten fügten sich nahtlos ins hochkarätige Klanggeschehen. Von Sopranistin Anne-Sophie Brosig hätte man gerne noch mehr als eine Soloarie gehört. Doch wie sie in dem Rezitativ „Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen“ dem Herodes mit Attacke Beine machte und in der Arie „Nur ein Wink“ expressive Kraft mit Klarheit der Stimmführung verband, war mustergültig. In schönstem Einvernehmen gelang auch das Duett mit Fabian Kuhnen, der mit Eleganz seine Bassstimme führte, allerdings in der Höhe manchmal etwas wackelte. Diese wohl tagesaktuelle leichte Unpässlichkeit wusste er mit Stilbewusstsein und deutlicher Aussprache auszugleichen.

Olivia Vermeulen indes hatte reichlich Gelegenheit, ihren ausdrucksstarken Alt in allen Farben schillern zu lassen. In der Arie „Schließe, mein Herz“, verband sich ihr inniger Vortrag mit dem feingesponnenen Geigenspiel von Konzertmeisterin Andrea Keller. Sie sei beispielhaft für die vielen exzellenten Solisten des Orchesters „l’arte del mondo“ genannt, dessen internationales Renommee sich einmal mehr als zutreffend erwies.

Und Kieran Carrel? Der im Bachchor aufgewachsene, jetzt 25 Jahre junge Tenor und Ensemblemitglied der Oper Bonn darf als Musterbeispiel eines Evangelisten gelten: Er hat eine Stimme, die bezwingend und doch leicht vom Wort ausgeht und sinnfällig und klangschön die melodische Linie auszusingen weiß. Und er versteht es, mit zartem Schmelz selbst noch im Piano einen Kirchenraum zu füllen. Stimmschönste Gesangskunst.

Der Bachchor ließ auch nach anderthalb Stunden keine Ermüdung erkennen. Mit Furor drückte er in „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“, die Hörer in ihre harten Kirchenbänke und behauptete sich auch im orchestralen Geschmetter des finalen Chorals „Nun seid ihr wohl gerochen“ als stimm- und glaubensstarke Gemeinde. Ein herzbewegendes Klangfest.

Matthias Gans, Neue Westfälische, 21.12.2021