Der Bachchor gedachte seines ehemaligen Leiters Hermann Kreutz mit der Johannespassion.

Gütersloh (kusch). Mal erhaben und hochdramatisch, mal aber auch intim und tröstlich war die Musik, die jetzt in der Martin-Luther-Kirche erklang. Der Gütersloher Bachchor sang die Johannespassion seines Namenspatrons Johann Sebastian Bach und widmete sie dem Andenken des langjährigen Dirigenten Hermann Kreutz, der kürzlich im Alter von 90 Jahren verstarb.

In einer bewegenden Predigt zwischen den beiden Teilen der Bach-Komposition fand der Neffe des Dirigenten, Pastor Stephan Kreutz aus Bremen, sehr persönliche Worte, die er im Zusammenhang mit den soeben gehörten Bachschen Klängen empfand. Die Erinnerungen an Hermann Kreutz waren an dieser Stelle sofort wach, gestand er. Nicht nur das Bild eines außerordentlich engagierten Dirigenten, der seinen Chor kurz vor dem Auftritt mit heftigem Stampfen auf dem Dirigentenpult motivierte: „Es muss leidenschaftlich sein!“. Auch das Bild eines Menschen, dessen Herzenswunsch es war, die Musik als Quelle zur Verständigung der Nationen zu verstehen: Hermann Kreutz’ Familie stammte aus Polen, dorthin reiste er besonders gerne mit dem Chor. Außerdem ein Rückblick auf ein Familienleben rund um die Musik, das jedes Familienmitglied mit ihm teilte – ein warmes Porträt, das schöne Erinnerungen auffrischte.

Die mehrmals von Bach umgeänderte Johannespassion zeichnet die Stationen der Leidensgeschichte Jesu musikalisch nach: Die Gefangennahme im Garten Gethsemane, das Verhör durch Pontius Pilatus, die Verurteilung und schließlich die Kreuzigung. Die Besucher der Martin-Luther-Kirche erlebten die Solisten, den Chor und das Orchester an diesem Sonntag in erstklassiger Verfassung. Sigmund Bothmann bestach als Dirigent (teilweise dirigierte er vom Cembalo aus) erneut mit einer herausragenden musikalischen Sensibilität, die das Fundament seiner schlüssigen, spannungsgeladenen und zugleich detaillierten Textausdeutung bildete.

Leidenschaftlich, intonationssicher und klar artikuliert meisterte der Bachchor alle musikalischen Herausforderungen, den mächtigen Eingangschor mit den berühmten, dreifachen „Herr“-Rufen und Koloraturfiguren ebenso wie die reflektierenden Gebetschoräle, wie den aus einem Guss gemeißelten „In meines Herzens Grunde“. Fulminant waren die Turba-Chöre, die höchstdramatischen Kommentare des Volkes, oft bedrohlich, aber auch hämisch, wie der „Sei gegrüßet, lieber Judenkönig“.

Das Orchester l’arte del mondo modellierte das dramatische Geschehen auf historischen Instrumenten auf hohem Niveau mit. Der pochende Bass zu Anfang, die Wellenfiguren der Streicher und die dissonanten Bläser gaben den späteren „Herr“-Ausrufen der Chorsänger ein unabdingbares, bedrohliches Fundament. Das passable Ensemble der Solisten krönte die geglückte Aufführung schließlich. Allen voran Joo-hoon Shin, der in der tragenden Rolle des Evangelisten mit einer souveränen Gestaltung der Rezitative und in den Arien mit einer hellen und schönen Stimme bestach. „Es ist vollbracht“, die letzten Worte Jesu am Kreuz übernahm die Altistin Bettina Pieck mit tief empfundener Emotion, während die Sopranistin Anna-Sophie Brosig mit ihrer lupenreinen Stimme verzauberte. Auch Fabian Kuhnen als Pilatus und Oliver Pürckhauer als Jesus überzeugten, beide von großem Format und mit schönen, sonoren Stimmen.

Ein Konzert, das nicht nur eine überragende musikalische Auslegung der Johannespassion, sondern zugleich auch eine würdige Erinnerung und ein großartiges Andenken an den angesehenen Dirigenten Hermann Kreutz war.

Eugenie Kusch, Neue Westälische vom 06.04.2022