Leiter Sigmund Bothmann erzählt der NW, warum der Bachchor Gütersloh in der 1. Liga spielt, wie Corona überwunden wurde und warum er doch Zukunftssorgen hat.

Herr Bothmann, der Bachchor Gütersloh ist einer der herausragenden Chöre in der Region. Um es Laien verständlich zu machen, mal ein Fußballvergleich. In welcher Liga spielt der Bachchor?

SIGMUND BOTHMANN: Das lässt sich ganz schwer vergleichen, weil wir ja im Amateurbereich unterwegs sind. Außerdem hängt beim Chorgesang die qualitative Einordnung oft nicht mit der Bezahlung zusammen. Aber im Bereich der Amateure befindet sich der Bachchor sicherlich in der 1. Liga.

Der Chor war 35 Jahre lang geprägt durch Hermann Kreutz, bevor Sie ihn 1992 übernommen haben. Wie haben Sie den Chor damals vorgefunden?

Ich habe den Chor in einem sehr guten Zustand vorgefunden. Ich fand auch das ganze Umfeld so, dass ich mich erstens hier gerne beworben und dann auch gearbeitet habe. Der Chor war in einem guten Zustand und ausreichend groß, um den gesamten Bereich an Literatur abzudecken, die auf einen solchen Chor zukommt. Ich fand den Chor auch stilistisch gut gebildet, auch die Arbeitsbedingungen waren rundum gut, das hat mir alles schon sehr behagt. Und der Blick in die Bibliothek offenbarte eine Literatur, die sehr einfallsreich und fundiert ausgewählt war, nicht nur traditionell, sondern sehr progressiv.

Inwiefern konnten Sie auf die Arbeit von Herrn Kreutz aufbauen, was haben Sie geändert?

Ich konnte insofern darauf aufbauen, als dass Hermann Kreutz überhaupt auf Klang sehr großen Wert gelegt hat. Wie ich das auch getan habe. Aber natürlich prägt jeder Chorleiter sein eigenes Klangideal. Bei Herrn Kreutz war das sehr ausgeprägt, deshalb hatte jedes Chormitglied einen besonderen Klangsinn, auf den ich dann aufbauen konnte, auch wenn man dann etwas anderes macht, was ich dann auch gemacht habe.

Der Bachchor ist bei der evangelischen Kirchengemeinde angesiedelt. Doch die Gesellschaft wird säkularer. Versteht sich der Bachchor Gütersloh noch als Instrument der Verkündigung oder ist er mehr zu einem Konzertchor geworden?

Der Bachchor versteht sich als Instrument der Verkündigung, schöner kann man das gar nicht sagen. Wir singen zur Ehre Gottes und zur Freude der Gemeinde. Dafür sind wir da, nach wie vor. Die Gesellschaft ist zwar säkularer geworden. Es gibt vielfältige Bemühungen der evangelischen Kirche, auch in Gütersloh, jene Leute zu erreichen, die der Kirche fern stehen. Der Bachchor Gütersloh hat aber immer schon einen guten Kontakt gehabt zu Menschen, die ein besonderes Angebot gesucht haben.

In diesem Fall die Verkündigung auf musikalisch höchstem Niveau. Bach wird ja gerne als fünfter Evangelist bezeichnet. Und viele Menschen auch in Gütersloh sagen, dass für sie erst Weihnachten beginnt, wenn sie Bachs Weihnachtsoratorium gehört haben. Das hat nichts mit uns zu tun, sehr wohl aber mit der Wirkung Bachscher Musik. Gute Kirchenmusik kann Freude und Trost spenden, aber auch Menschen wieder an Gott glauben, die damit eigentlich Schwierigkeiten haben.

Inwiefern wirkt sich die genannte Entwicklung auf Ihre Arbeit aus?

In dem Maße, wie die Kirchensteuer durch Kirchenaustritte zurückgehen, bekommen wir auch von der Kirchengemeinde weniger Geld für unsere Arbeit zur Verfügung gestellt, das ist ja klar. Das ist über die Jahre weniger geworden, zumal es keinen Inflationsausgleich gibt. Aber ich sehe die Menschen nicht als weniger religiös an. Ich glaube nur, dass wir als Kirche nicht mehr diese Bindungskraft haben. Wenn also Menschen, die der Kirche eigentlich fern stehen, ein Konzert von uns besuchen, dadurch auch ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen, unabhängig davon, ob sie Kirchensteuer bezahlen oder nicht. Deshalb müssen wir davon, was wir gut machen, auch mehr machen.

Wie sieht es mit der Nachwuchsarbeit aus? Kommen aus Choralsingschule, Jugendkantorei und Knabenchor genügend frische Stimmen nach?

Auf jeden Fall. Wir müssen jetzt die Coronazeit ausblenden, weil wir da keinen Kontakt zu den Schulen hatten. Aber wir waren jetzt in vier Grundschulen unterwegs, da konnten wir schon zehn Mädchen und vier Jungen gewinnen. Das sind schon gute Zahlen, wenn man bedenkt, dass noch elf Schulen ausstehen. Der Bachchor ist durch die intensive Nachwuchsarbeit ein junger Chor geworden. Hätten wir den Knabenchor hier nicht, hätten wir keine adäquate Männerbesetzung.

Die Pandemie hat die Arbeit vieler Chöre nahezu unmöglich gemacht. Ist auch beim Bachchor alles zum Erliegen gekommen? Wie haben Sie sich über die Zeit gerettet?

Bei uns ist gar nichts zum Erliegen gekommen. Es hat immer die Möglichkeit des Einzelunterrichts gegeben, da ich mich nicht nur als Chorleiter, sondern auch als Gesangslehrer verstehe. Ab Mai 2020 haben wir dann in Fünfergruppen gesungen und mehrere schöne musikalische Andachten aus dem „Schwanengesang“ von Heinrich Schütz aufgenommen, die man sich nun bei YouTube ansehen kann.

Da unsere Chormitglieder daran gewöhnt sind, auch einzeln selbstständig vorzusingen und nicht den Nachbarn als Stütze benötigen, konnten wir diese Aufnahmen auch mit zwei Metern Abstand machen.

Wie sehen die nächsten Pläne aus? Auf www.bachchor-gt.de konnte ich nichts finden.

Das liegt daran, dass die Seite bald umzieht auf den Account der Kirchengemeinde. Das ist seit drei Wochen überfällig. Wir machen am 31. Oktober ein schönes Konzert mit einer super Solobesetzung mit Ivonne Fuchs, Carine Tinney, Markus Flaig und Georg Poplutz. Da machen wir die Bach-Kantate „Singet dem Herrn ein neues Lied“ sowie die Krönungsmesse von Mozart. Der Chor hat nämlich gesagt: Wir wollen was Heiteres singen, such‘ bloß nichts Trauriges aus. Und da ist die Krönungsmesse so lustvoll und gutmütig und freudvoll, deshalb singen wir die.

Ist das das Jubiläumskonzert?

Nein, eigentlich hatten wir nämlich die h-Moll-Messe von Bach aufführen wollen, aber unter den Coronabedingungen war das dann doch leider nicht möglich. Und zu Weihnachten gibt es die ersten vier Kantaten aus dem Weihnachtsoratorium. Volle Lotte.

Was gibt es noch für Pläne?

Wir werden noch die Henze-Oper „Pollicino“ zum 200. Stadtgeburtstag 2025 aufführen, da sind der Bachchor, die Choralsingschule und der Knabenchor dabei. Das wird den Nachwuchs stark beleben. Ich bin noch zehn Jahre hier tätig. Und natürlich macht man da Pläne und hat Ideen, aber wegen der Pandemie ist das liegengeblieben. Ich hatte mir gewünscht, alle 200 überlieferte Kantaten von Bach aufzuführen, aber das wird mir wohl nicht mehr gelingen.

Und wo steht der Bachchor Gütersloh in 25 Jahren?

Es hängt von der Entwicklung der eben genannten Umstände ab, wie es weiter geht. Der Bachchor hat seit 1993 einen Förderverein. Zudem wird er von Bertelsmann und der Sparkasse unterstützt. Und es gibt immer wieder Spenden von Einzelnen, auch sehr großzügige. Aber es hängt davon ab, in welchem Maße die Kirchensteuer zurückgeht und wie viel davon noch für die Kirchenmusik und unsere intensive Nachwuchsarbeit bleibt. Deshalb kann ich nicht sagen, ob der Bachchor auch noch seinen 100. Geburtstag feiern wird. Das wissen wir alle nicht. Aber wünschen würde ich mir das natürlich schon sehr.

Das Gespräch führte Matthias Gans